Nachrichten zu unserer Arbeit - Unternehmensverantwortung

Workshop der Frauengewerkschaft GLU. FEMNET-Referentin Daniela Bartsch hört den Gewerkschafterinnen aufmerksam zu.

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Neue Studie: Wie echte Beteiligung gelingt

Wie kann die Einbeziehung von Arbeiter*innen in der Textilindustrie von einer theoretischen Pflichtübung zu einer wirksamen, systemischen Praxis werden? Die neue Studie von FEMNET und der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) zeigt am Beispiel des Dindigul-Abkommens, wie Unternehmen von symbolischer Konsultation zu wirksamer Mitbestimmung gelangen.

Mit der neuen Studie „Meaningful Stakeholder Engagement in Textile Supply Chains: From ‘proven practice’ to systemic implementation“ legen FEMNET und die GIZ eine umfassende Analyse vor, wie echte Mitbestimmung in globalen Lieferketten strukturell verankert werden kann. Im Fokus steht das sogenannte Meaningful Stakeholder Engagement (MSE) – ein Ansatz, der auf verbindliche Beteiligung jener Gruppen setzt, die am stärksten von unternehmerischen Entscheidungen betroffen sind.

Wer sind „Rechteinhaber*innen“?

Kern des MSE-Ansatzes ist die Einbeziehung von Rechteinhaber*innen (Rightsholders). Gemeint sind Personen und Personengruppen, deren Menschenrechte durch geschäftliche Aktivitäten potenziell oder tatsächlich beeinträchtigt werden. Dazu zählen insbesondere Arbeiter*innen in den Fabriken, aber z.B. auch Kleinbäuerinnen- und Bauern, Fischer*innen, Bergleute sowie Anwohner*innen und betroffene Gemeinschaften entlang der Lieferketten. Im Gegensatz zu Stakeholdern – einem breiten Begriff, der verschiedene Interessengruppen umfasst, etwa Unternehmen, NGOs, Zulieferer, Behörden oder Verbraucher*innen – stehen Rechteinhaber*innen im Zentrum menschenrechtlicher Sorgfalstpflichten.

Zentrale Ergebnisse: Empowerment statt Symbolpolitik

Die Untersuchung von 14 verschiedenen Frameworks zeigt eine deutliche Lücke zwischen wirksamen Modellen und rein symbolischer Einbindung. Erfolgreiche Beispiele – allen voran das Dindigul-Abkommen – belegen, dass rechtlich verbindliche Vereinbarungen und die direkte Beteiligung von Gewerkschaften messbare Verbesserungen schaffen: höhere Löhne, mehr Arbeitssicherheit und gestärkte Vereinigungsfreiheit.

Weitere wichtige Ergebnisse der Studie sind:

  1. Empowerment ist nicht verhandelbar: Beteiligung scheitert, wenn sie nicht darauf ausgelegt ist, Machtverhältnisse wirklich zu verschieben. Die verbindliche Einbeziehung von Gewerkschaften ist die notwendige Brücke von der bloßen Konsultation hin zu durchsetzbaren Veränderungen.
  2. Einkaufspraktiken sind der Schlüssel: Engagement wird als unaufrichtig wahrgenommen, wenn die kommerziellen Grundursachen wie Löhne, Kosten und Lieferzeiten, nicht adressiert werden. Diese müssen der erste Punkt auf jeder Agenda für einen glaubwürdigen Dialog zu Sorgfaltspflichten sein
  3. Lokale Systeme stärken statt umgehen: Der Aufbau paralleler externer Systeme (z. B. Beschwerdestrukturen von Drittanbieter*innen) schwächt oft nachhaltige lokale Strukturen wie Gewerkschaften oder Arbeitsgerichte. Ressourcen aller Steakholder sollten stattdessen bestehende demokratische Institutionen stärken.
  4. Ein verlässlicher Prozess ist wichtiger als schnelle Ergebnisse: Vertrauen und wirkliche Verbesserungen entstehen nur durch langfristige, kontinuierliche Dialoge – nicht durch kurzfristige Projekte, die vor allem auf öffentlichkeitswirksame Resultate abzielen.

Wege zur systemischen Umsetzung

Um MSE breit zu verankern, schlägt die Studie drei strategische Wege vor: die Transformation bestehender Multi-Stakeholder-Initiativen in rechteinhabergeführte Foren, die Integration verbindlicher Beteiligungsklauseln in Markenverträge und die Förderung herstellergeführter Mitbestimmung durch kommerzielle Anreize. Ziel ist ein Ökosystem der Rechenschaftspflicht, das die Position von Arbeiter*innen nachhaltig stärkt und strukturellen Wandel ermöglicht.

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